Schöne Kleine Welt – Tristesse

Zum Frühstück habe ich Anthony Bourdain in Berlin gesehen, der mir Impulse gab, mein gestriges Erleben künstlerisch auszudrücken.

Als die Vereinsleute nach 18 Uhr nur noch „unter sich“ waren, was sich bei 800-1000 Vereinsmitgliedern schon ziemlich absurd anhört, begann ich mit dem Taijiquan Training. Zuerst übte ich die Stehende Säule (站桩). Als ich hörte, wie die Ausweiskontrolleure näher kamen, beendete ich die Übung. Meine tolle Sonnenbrille verfremdete mein Gesicht wohl dermaßen, dass ich nicht gleich erkannt wurde. „Achso, du warst gestern der mit den Schlägern“ antworte der eine, als ich fragte, ob er mich nicht schon kennen würde.
Dann spielte ich Taiji Bailong Ball. Bisher hat sich noch niemand getraut(?), zu fragen, ob er mit spielen – oder es auch mal versuchen – kann. Als „ganz interessant“ wurde es aber schon bezeichnet. Und ein Junge meinte, dass er sich solche Schläger auch kaufen wolle. Ich hatte ihm geantwortet, dass er es erst mal probieren solle. „Das braucht viel Übung!“
Nach den Seidenübungen (蚕丝功) war mir gerade nicht zumute, auch wenn ich sie für sehr wichtig halte, meine Struktur und das Sinken zu verfeinern.
Dann kam eine Frau auf mich zu, die ich schon vom Sehen her kannte. Ich fragte sie, ob sie mit spielen wolle. „Nein!“ war ihre Antwort. „Schade.“ meinte ich.
Ich solle ihr bitte meinen Mitgliedsausweis zeigen, forderte sie mich dann auf. „Schon wieder?“ fragte ich verwundert.
Dann erklärte sie mir, dass sich eine Frau bei ihr beschwert hatte, dass ich mich am Tag zuvor bei ihren Kindern herumgedrückt hätte. Ich traute meinen Ohren kaum. „Was soll ich gemacht haben? Ich hatte gestern zwei Jungs gefragt, ob sie mit mir Tischtennis spielen, und dann bin ich auch schon weiter gegangen.“ „Ja, das werden sie auch gewesen sein“ bekam ich als Antwort; und „Ich stehe jetzt hier ein bisschen zwischen den Stühlen, aber ich muss das weiter geben.“ Und „sowas machen wir hier nicht. Wenn die Kinder uns ansprechen, ist es ok – aber anders herum nicht.“

Was für eine verrückte Welt. Wenn man Erwachsen ist, muss man sich von Kindern fern halten. Erwachsene (oder nur Männer?) sind gefährlich. Kinder können sich ihre Spielkameraden aussuchen und tun dies auch ohne Bedenken. Erwachsene haben gefälligst unter sich zu bleiben – oder noch besser jeder für sich allein. Wir haben uns unser Leben so schön eingerichtet. Nun sollen es die anderen nicht auch noch durcheinander bringen.

Jetzt habe ich die Idee, ein Lied zu schreiben zum Thema „Sowas machen wir nicht“. Die Distanzierung zwischen den Menschen („political correctness“) geht mir ziemlich auf den Wecker.

„Wir haben es uns gut hier ein­gerichtet; / der Tisch, das Bett, die Stühle stehn, / der Schrank, mit guten Dingen voll­geschichtet. / Wir sitzen, alles zu besehn. / Dann legen wir uns ruhig nieder / und löschen, müd vom Tag, das Licht / und beten laut: Herr, komm doch wieder! / Und denken leise: Jetzt noch nicht.“ (Manfred Siebald)

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