Je suis Charlie?

Je suis ...

An den letzten Tagen und in den letzten Wochen sind zwei Phänomene passiert, welche Deutschland, Frankreich und die Welt erschütterten:

In Dresden formierte sich die Pegida-Bewegung, welche in den öffentlichen Medien zum Feindbild der offenen Gesellschaft stilisiert wird. Nach ihrem Positionspapier steht Pegida für die Rückbesinnung der europäischen und deutschen Gesellschaft auf die Eigenständigkeit ihrer Kultur und für das Ziel, die Gesellschaft nicht durch die zugewanderten (islamischen) Bürger dominieren zu lassen, sondern diese zu integrieren. Nach meinem Verständnis bedeutet das, ein deutsches Selbstverständnis zurück zu erlangen, welches durch die westdeutsche Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten immer mehr verteufelt wurde. „Ich bin kein Deutscher, sondern Europäer oder Weltmensch.“ lautet die politisch korrekte Parole. (In Ostdeutschland gab es keine Globalisierung. Dafür war der politische und wirtschaftliche Horizont der DDR zu klein.)
Die Medien, welche ich seit Entstehen der Pegida verfolgt habe, versuchen teilweise ein Verständnis für die verunsicherten Bürger mit „Angst vor Fremden, die sie kaum kennen“ (FAZ) zu heucheln. Im Allgemeinen werden die Pegida-Demonstranten und -Initiatoren jedoch als ausländerfeindlich und rückwärtsgewandt bezeichnet und es wird zu Aktionen gegen sie – zu Gegendemonstrationen – aufgerufen. Die Beleuchtungen von öffentlichen Gebäuden und Kirchen werden ausgeschaltet, um ein Zeichen des Protests gegen die Pegida-Demonstrationen zu setzen.

Noch höher schlagen die Wellen politischer Empörung seit am Mittwoch ein Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde, durch welchen 12 Menschen zu Tode kamen. Die Grausamkeit dieses Verbrechens drückt sich in dem Aufschrei der Gesellschaft und Politiker aus, welche einstimmig die Verteidigung der „westlichen Werte“ skandieren, welche durch die Satirezeitschrift in bester Manier vertreten werden. Ein Schlagwort kommt dabei immer wieder zur Sprache: Freiheit: die Meinungsfreiheit, die Freiheit der Rede.

Doch warum beschränkt sich der Wertekanon des Westens auf diesen Begriff? Warum steht er nicht im Gleichgewicht beispielsweise mit Weisheit, Gerechtigkeit, Fairness, Verständnis? Warum ist es richtig und ein Ausdruck von Freiheit, den Muslimen Spottbilder ihres Propheten vorzuhalten, um sich dann darüber zu empören, dass diese Freiheit auch unliebsame Folgen haben kann?

Mich erinnerte das Verhalten der Massen mit ihrem Je-suis-Charlie-Schlachtruf an den Film Die Welle. Diesem Bekenntnis fehlt jede Differenziertheit. „Ich kann sagen, was ich will.“ ist das Motto. „Ich bin frei!“ Auf diesen Zug springen unzählige Menschen mit auf. Sie fühlen sich bedroht durch ungreifbare mögliche islamische Attentäter, welche Teil der Gesellschaft sind. Diese Bedrohung soll durch die Überwachung und Ausweisung potenzieller Attentäter und durch das Bekenntnis zur westlichen Borniertheit („Ich bin das Maß aller Dinge“) ausgerottet werden. Um so mehr Menschen mit einer Stimme „Je suis Charlie“ rufen, umso richtiger muss der Spruch sein.

Doch wie viele sind wirklich mutig genug, ihre Meinung zu sagen, statt sich dem Main Stream anzugleichen? Ich sehe derzeit nichts davon!

Andere Gedanken zum Thema:
– Neue Osnabrücker Zeitung: Was bedeutet Je suis Charlie?
„Ich bin Ahmed“: Trauer um toten muslimischen Polizisten
– Matthias Heitmann: „Je ne suis pas Charlie“ – und gerade deshalb für die absolute Pressefreiheit!

Nachtrag:
In der Diskussionsrunde von Günter Jauch sprach die Muslima Souad Mekhennet darüber, dass sie mit einem Bewusstsein von Respekt gegenüber verschiedenen Religionen aufgewachsen ist; dass sie eine katholische Schule besucht und auch mehrmals im Krippenspiel Maria, die Mutter Jesu, gespielt hat. Ich freue mich, dass ich nicht der Einzige bin, der die „Freiheit“ relativiert, die sich das Abendland teilweise zwanghaft auf die Fahne schreibt. Die „Schere im Kopf“, nicht schreiben zu dürfen was man will, kann auch die Schere sein, welche in der Weisheitslegende von Sokrates und seinen „drei Sieben“ beschrieben ist.

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