Zurück in die Zukunft

Als Einleitung für die Facebookgruppendiskussion fasse ich hier die einleitenden Gedanken des Buches „selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ von Harald Welzer zusammen, welche ich für wichtig und interessant erachte: selbst denken - Gruppenbild

In den letzten beiden Jahrhunderten bildete sich in unserer Gesellschaft ein Weltbild heraus, das vom Streben nach Fortschritt und Wohlstand geprägt und vom Gefühl der Macht über die Prozesse der Entwicklung von Technik, Gesellschaft, Natur, … durchdrungen ist. „Höher weiter besser“ ist das Motto. Wir Menschen haben in der Moderne eine „mentale Prägung“ (S. 9) entwickelt, „die die Phantasie technisch aufrüstete und die Entdeckungen von Christoph Columbus und die Eroberung des Wilden Westens in Gestalt von Apollo 11 und den Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins in der Gegenwart so fortschrieb, dass man selbst ein Teil dieser unablässigen Erweiterung des Machbarkeits- und Erweiterungshorizonts wurde. Auch auf diese Weise wurde die expansive Kultur der Moderne Teil unserer mentalen Innenausstattung… Eine solche Prägung erzeugt Zukunftsgewissheit… (und) macht die Gegenwart durchlässig und immer nur momentan zur einen Version von vielen möglichen Wirklichkeiten und zu einem Noch-Nicht, das schon auf das jeweils nächste Stadium vorausweist.“ (S. 9f) Diese Zukunftsgewissheit übersetzt das expansive Kulturmodell in die Gefühls- und Innenwelt und erzeugt gleichzeitig eine kulturelle Bindung, aus der nicht leicht zu entkommen ist.

Mit dem Ende der rivalisierenden Systeme von Ost und West „begann auch das Ende der west-östlichen Hegemonie über die Welt“ (S. 19). Die kapitalistische Wachstumswirtschaft verbreitete sich über immer mehr Länder der Erde und führte damit für einen großen Teil der Menschheit zur Modernisierung ihrer Lebenswelt und zur Erhöhung ihres Wohlstands. In gleichem Maße, wie der Wohlstand zunimmt, wächst auch die zerstörende Wirkung der Menschheit auf die Umwelt. Was in der industriellen Revolution zuerst in der westlichen Welt erprobt wurde, geschieht nun in vielfach vergrößertem Maßstab auch in der restlichen Welt. Diese Neugestaltung der Verhältnisse zwischen Ost und West bedeutet für die westliche Gesellschaft den Verlust der Dominanz und damit auch den Verlust der Fähigkeit, die Zukunft (allein nach ihrem Gusto) zu gestalten. Plötzlich sind viel mehr Mitspieler im Geschäft, und jeder Mitspieler hat (zuallererst) seinen Vorteil im Sinn. „Es geht inzwischen, inmitten von Finazkrise, Klimawandel, Ressourcenkonkurrenz und Globalisierung der Wirtschaftskreisläufe, schon längst nicht mehr um die Gestaltung einer offenen Zukunft: Aller Schwung ist dahin. Es geht nur mehr um Restauration; um die Aufrechterhaltung eines schon brüchig gewordenen Status quo, in diesem Sinne nicht mehr um Politik, sondern um ein hektisches Basteln.“

An dieser Stelle kommt mir die Beschreibung der Bundeskanzlerin Angela Merkel und der (in ihr erfüllten) Ansprüche der deutschen Wählergemeinschaft durch Roger Willemsen (aus seinem Buch: Das hohe Haus, S. 5-7) in Erinnerung:

„Montag, 31. Dezember, Neujahrsansprache

Steif und fern, wie sie da sitzt, wirkt sie nicht, als müsse sie mir dringend etwas sagen. Eine Mediengesellschaft sollen wir sein, wählen Menschen mit dem Privileg zum Volk zu reden – und dann reden sie so? Vielleicht ist es umgekehrt: Wer an der Macht nicht auffällt und sich mit dem Volk auf Gemeinplätzen verabredet, kann immer weiter herrschen…

Sie weiß, was wir hören wollen, spricht deshalb von der »sicheren Zukunft«, an die ich nicht glauben kann, von dem »kleinen medizinischen Wunder« der mitwachsenden Herzklappenprothese bei einer jungen Frau, woran ich durchaus glauben kann. Doch ist dies ein Beispiel mit Kalkül, und dies schmeckt vor. Zur Kultur außerhalb der Wissenschaft kein Wort, an ihrer Stelle prunkt »die Bereitschaft zur Leistung und soziale Sicherheit für alle«, und weil es die Rede so verlangt, müssen schließlich die Begriffe »menschlich und erfolgreich« noch einmal zusammentreten, ehe mir die Kanzlerin »Gottes Segen« wünscht. Dann geht sie wieder ihren Geschäften nach, und ich bleibe zurück.“

Auf die westliche Gesellschaft bezogen bedeutet die weltweite Veränderung eine Irritation ihres Selbstbewusstseins, ein mächtiges, der Zukunft zugewandtes Wesen darzustellen, das die Macht über die Zukunft der Welt in sich trägt. „Die Menschen verharren, trotz mit Händen und Füßen zu greifender Veränderungsprozesse in Rolle, sozialer Lage und politscher Macht »in ihrer Persönlichkeitsstruktur, in ihrem sozialen Habitus auf einer früheren Stufe«4 – nämlich auf dem Höhepunkt ihrer gefühlten historischen Bedeutsamkeit… Aber die Menschen kommen nicht hinterher; sie glauben, etwas zu sein, was sie schon lange nicht mehr sind.“ Die Menschen nehmen sich selbst wichtiger als sie in der veränderten („multipolaren“) Weltordnung sind, „was aber unter den veränderten Machtbedingungen dann leicht mal als Wichtigtuerei ohne tiefe Bedeutung wahrgenommen wird.

Der Abstieg in die verringerte Bedeutsamkeit ist natürlich auch ein Verlust an Zukunft; jedenfalls an einer Zukunft, die man sich als eine immer bessere, weitere, schönere vorzustellen angewöhnt hat. Und auch deshalb gilt alles politische Interesse in Europa heute der Wiederherstellung des Status Quo ante: als das Wünschen noch in der Wirklichkeit bestätigt wurde. Der Übergang der Politik in einen restaurativen Illusionismus ist verhängnisvoll, weil sie kein Projekt mehr kennt, das über sich selbst hinaus weist: Daher die Rede von der »Alternativlosigkeit«, daher die Missachtung der Eigenlogik demokratischer Verfahren, daher die Verachtung gegenüber all dem, was im 20. Jahrhundert mühsam erkämpft worden ist – zugunsten eines rein tagespolischen Aktionismus, der Entscheidungen von ungeheurer Tragweite an den Öffnungszeiten der Börse ausrichtet. Die Politik ist gerade auf diese Weise, da sie so schnell und aktuell sein will, chronisch von gestern. Handlungsfähig wäre sie nur, wenn sie noch etwas zu gestalten hätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht aus.“ (S. 13f)

An dieser Stelle beende ich den Einblick ins Buch. Lasst uns den Weg aus der Sackgasse suchen, die hier beschrieben ist!

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