Was mich treibt … zum Taijiquan-Training

Die Erde halten

Die Erde halten

Nicole D. hat in meiner Facebook-Taijiquan-Gruppe die Frage in den Raum gestellt:

Welches ist eure Motivation Taijiquan zu trainieren? Welche Zielsetzung habt ihr 🙂 ?

Ich möchte darum mal versuchen, meine Motivation zu ergründen.

Womit könnte meine Zuneigung zur Kampfkunst begonnen haben? Der erste Schritt war eher eine „Notlösung“. Ich studierte in Rostock und wollte neben dem Studium am Unisport teilnehmen. (Das war vor knapp 20 Jahren) Da ich das Tischtennisspielen liebe, besuchte ich diese Gruppe, doch sie war schon voll belegt – hatte also keinen Platz mehr für mich frei. Karate hörte sich auch ganz interessant für mich an. Bestimmt hatte ich auch schon den Film Karate Kid gesehen, von dem ich begeistert bin. Also trainierte ich ca. 1,5 Jahre Karate. 1997 ergab sich noch einmal die Möglichkeit für mich, im Wermelskirchener Karateverein mit zu machen. Dort schaffte ich es auch, die Gelbgurtprüfung zu bestehen. (Für meinen Karate-Lehrer an der Uni waren meine Fähigkeiten zu gering gewesen, um mich zur Weißgurtprüfung zuzulassen.) Doch dann war ich mit meiner Ausbildung zu beschäftigt, und ich machte mit dem Karatetraining nicht mehr weiter.

Chinesische/ asiatische Kampfkünste begeisterten mich aber weiterhin. Besonders die Serien Kung Fu und Kung Fu – Im Zeichen des Drachen mit David Carradine haben mich fasziniert, da in ihnen auch die philosophischen Hintergründe der Kampfkunst eine große Rolle spielen.

Von Kindheit an bin ich damit aufgewachsen, Fragen über den Sinn des Lebens und die Bedeutung der Bibel für mich und über Gottes Bild vom Menschen und vieles andere Metaphysische zu bedenken und Antworten darauf zu formulieren, zu verinnerlichen und meinen Glauben zu bezeugen.

In der Philosophie der Kampfkünste steckt m.E. große Menschenfreundlichkeit, und die Kampfkunst ist ein Mittel, Harmonie mit sich selbst und seiner Umwelt anzustreben.

Am Anfang des Jahres 1997 reiste ich mit einer christlichen Reisegruppe für zwei Wochen nach Hong Kong und von dort aus ein Stück durch Südchina. In dieser Zeit habe ich bestimmt auch Menschen gesehen, welche im Park Taijiquan übten. Weil ich kurz danach aber einen schweren Fahrradunfall hatte, ist die Erinnerung daran inzwischen ziemlich verblasst.

Doch eines Tages kam die Chance; wieder ohne mein aktives Suchen oder Dazutun. In Neubrandenburg nahm ich an einer einjährigen Fortbildung in Kreativitätspädagogik teil, und eine der Teilnehmerinnen des Kurses interessierte sich für Yoga. Irgendwie musste sie eine Ahnung gehabt haben, dass das auch etwas für mich sein könnte, denn sie drückte mir das Volkshochschul-Programmheft in die Hand und zeigte mir, dass dort die Möglichkeit bestand, an einem Yoga-Kurs teilzunehmen – und ob ich nicht dazu Lust hätte, dies mit ihr zu machen. Naja, dazu hatte ich nicht wirklich Lust. Aber da gab es noch ein anderes Angebot, was mir viel interessanter schien: Tai Chi. Birgit Stoffregen, eine Meisterschülerin der TAO-Schule, unterrichtete dort die „Anfängerform“, also die ersten Bewegungen der Chen-Manching- (bzw. Zheng-Manqing-) Form. Der Unterricht war schon recht gut. Naja, vielleicht hat’s mich auch nicht umgeworfen. Doch in einer der letzten Stunden kam Karsten Nix dazu und gemeinsam mit Birgit zeigten sie die kämpferischen Anwendungsmöglichkeiten der geübten Bewegungen. Ich erfuhr von ihnen, dass man als Schüler der Tao-Schule nicht nur die Soloform, sondern auch diese Anwendungen trainieren würde. Also stand für mich fest, dass ich auch an dieser Schule Tai Chi trainieren will. Ich meldete mich zum Kurs an, der einmal in der Woche stattfindet. Dann war die Fortbildung zu Ende und ich versuchte, in Schwerin eine vergleichbare Schule zu finden. Weil die Suche scheiterte, suchte ich mir so schnell wie möglich Arbeit in Neubrandenburg und pendelte dann zwischen Schwerin und Neubrandenburg, um dort weiter am Tai-Chi-Training teilnehmen zu können. Weil das Pendeln mir bald aber zu aufwendig wurde, zog ich ganz nach Neubrandenburg um.

Nachdem ich einige Jahre an der Tao-Schule trainiert hatte, die inzwischen in TAO-Institut umbenannt worden war, ließ die Begeisterung für diese Schule aber mehr und mehr nach. Solange ich nur an dem Kurs von Karsten Nix teilgenommen hatte – und das war mehrere Jahre lang – hatte ich „den Meister“ nicht kennengelernt, von dem immer gesprochen wurde, wenn es darum ging, irgendwelche Antworten auf schwierige Fragen zu finden: „Da muss ich mal den Meister fragen.“ Ich hatte keine Ahnung, wer das ist – nicht einmal, wie er heißt, und auch nicht, was er wo gelernt hat.
Erst als ich mich als Mitglied der Schule anmeldete, konnte ich auch an den Trainingsstunden des Meisters Ralf Hoffmann teilnehmen. Einige Zeit später war auch das wieder Geschichte, denn der Meister unterrichtete von diesem Moment an nur noch „die Meisterschüler“. Im letzten Jahr, in dem ich noch in Neubrandenburg wohnte und am TAO-Institut trainierte, war ich der einzige Schüler meiner Ausbildungsstufe (Gelb- und zuletzt Orangegurt), der nicht vom Meister unterrichtet wurde. Ich fühlte mich damit ziemlich ausgegrenzt und fand, dass der Unterricht nicht meiner Ausbildungsstufe entsprach. Einen Teil der Übungen, welche ich für die Prüfungen können sollte, übte ich fast nur an den Trainingswochenenden des Meisters.

Außerdem zeigte sich die Schule sehr abgeneigt gegenüber meinem Blick über den Tellerrand der Schule. ‚Warum besuchst du einen Qigong- und Taijiquan-Kurs von chinesischen Lehrern? Was hast du da zu suchen? Die können dir doch gar nichts beibringen, da sie deine Entwicklung nicht kennen!‘ sagte man zu mir.

Dies alles ließ die Entscheidung in mir reifen, Neubrandenburg zu verlassen und nach Hamburg zu ziehen, wo es mit Sicherheit eine Möglichkeit geben würde, weiter Taijiquan zu trainieren. Ich hatte die Fernseh-Dokumentationen von Jan Silberstorff gesehen, und Jan Leminsky hatte ich in Rostock kennengelernt, wo er bei einem Festival Taijiquan und Taiji Bailong Ball unterrichtet hatte. Außerdem war mir von meiner chinesischen Taijiquan- und Chinesischlehrerin Jun Bai der Rat gegeben worden, Unterricht bei der Meisterin Fei Yujiao zu nehmen, welche in Hamburg wohnt.

Letzten Endes hatte ich eine Schule der WCTAG gefunden, welche von Jan Silberstorff gegründet worden ist, und in der ich mich bald gut aufgehoben fühlen sollte. Dort gab es nicht die Enge: Nur bei uns bist du richtig, die mir gar nicht gepasst hatte. Und außerdem ist die Schule einigermaßen erreichbar.

Warum habe ich Taijiquan trainiert, und warum trainiere ich es jetzt?

Ich fühle mich gut beim Training, da ich die Unruhe abbaue, welche sonst mein Leben prägt. Ich lerne, meinen Körper und seine Reaktionen besser wahrzunehmen: Wie reagiere ich auf Stress? Warum kann ich meine Brust nicht entspannen? Warum tut es weh, wenn ich bei der Stehenden Säule entspannen will? Und dann gibt es viele Momente, wenn ich die Ruhe beim Zhan Zhuang (Stehende Säule) genieße; wenn ich mich nicht beobachtet und ausgelacht oder verspottet fühle.

Durch das Training des Taijiquan verändert sich meine innere und äußere Struktur – so langsam, wie auch die Bewegungen des Trainings ausgeführt werden. Meine Schultern werden lockerer/ entspannter und sie öffnen sich. Meine Wirbelsäule richtet sich auf. Der Stand auf meinen Beinen wird fester. Ich lerne Entspannung und Anspannung (Yin und Yang), Härte und Weichheit.

Ich trainiere, weil ich es als meinen Weg gefunden habe.

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1 Antwort zu Was mich treibt … zum Taijiquan-Training

  1. avatar helmelohNo Gravatar sagt:

    Die Motivationen für Taijiquan anderer zu erfahren ist auch für mich interessant. Ich will hier und jetzt meine aber nicht Preis geben, da so lange Texte vermutlich niemand lesen würde, sondern nur sagen, dass Taijiquan langsam aber sicher immer mehr zu meinem Lebensstil wird.
    Servus

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